Sebastian, 6 Monate Elternzeit

Sebastian ist Hamburger, Wissenschaftler, seit ein paar Jahren verheiratet und Vater von zwei Kindern. Als seine Tochter geboren wurde, hat zuerst seine Frau 6 Monate Elternzeit genommen und als sie wieder arbeiten gegangen ist, hat er Baby und Haushalt übernommen und ist ebenfalls 6 Monate Zuhause geblieben.

Vor ein paar Monaten ist er zum zweiten Mal Vater geworden und wiederholt die Erfahrung.

Wir haben über den Alltag, seine langen produktiven Spaziergänge, den Haushalt, die Kita, die Balance in der Ehe, Mental Load, die Schwierigkeiten mit dem Arbeitgeber und vieles mehr gesprochen.

FM: Du hast nun 2 Monate Elternzeit hinter dir und noch 4 vor dir. Und das machst du schon zum 2. Mal. Erzähl uns bitte wie dein Alltag aussieht?

Wir machen gar nicht so spektakulär viel. Ich bringe meine Tochter in die Kita. Weil ich nicht direkt in die Arbeit gehen muss, nutze ich die Chance auch noch mit den Erziehern ein bisschen zu sprechen, wenn sie Lust dazu und Zeit haben oder auch mit einem anderen Elternteil. Es ist immer schön sich auszutauschen und zu merken, dass viele andere in einer ähnlichen Situation sind.

Auf dem Rückweg gehen wir einkaufen und je nach dem wann er einschläft, dann mache ich einen ordentlichen Spaziergang mit ihm. Diese langen Spaziergänge haben meiner körperlichen und mentalen Fitness sehr gutgetan. Ich habe die Stadt Hamburg neu entdeckt, obwohl ich hier geboren wurde. Ich höre da auch gerne Podcasts, um an das kulturelle und politische Tagesgeschehen teilzuhaben. Das sind auch Momente, wo man selber durchschnauft und wo die Ideen kommen.

Danach geht man nach Hause und füttert das Kind. Die ganzen To dos werden auch in aller Ruhe gemacht und nicht hektisch nach der Arbeit. Der Tag ist auch schnell rum und manchmal hat man das Gefühl, dass man gar nicht soviel erledigt hat. Aber ich glaube das ist der falsche Gedanke. Wir haben festgestellt, wir sind glücklicher, wenn wir etwas mit den Kindern machen als wenn die Hüte blitzeblank aussieht.

FM: Wie seid ihr zu dieser Entscheidung gekommen, euch die Elternzeit gleichmäßig aufzuteilen?

Ich traue meine Frau gerne zu, dass sie eher eine Vorstellung hatte, wie man das machen kann. Sie musste als freie Mitarbeiterin auch wieder nach 6 Monate arbeiten gehen und ich habe mich gefreut, 6 Monate Elternzeit nehmen zu dürfen.

FM: Hast Du gemerkt, dass diese Zeit eine positive Auswirkung auf die Balance eurer Ehe hat oder habt ihr vorher das Mental Load bereits viel aufgeteilt?

Das wäre vielleicht eher eine Frage für meine Frau (lacht)… Aber ja, wenn jeder alles macht und kann dann ändert das schon etwas. Vorher, wenn der andere Erfahrungsvorsprung hat, und das Kind weint ist man natürlich geneigt zu sagen „Was hat er denn jetzt? Mach du mal“. Wenn man aber sagen kann: „Ich habe hier valide These, was es sein kann. Ich probiere das mal“ läuft es schon besser. Und das ist ja überhaupt der Vorteil, wenn man so viel mit dem Kind ist: jeder kann alles. Das halte ich für ein wesentliches Argument dafür, dass man intensiv Elternzeit nimmt.

Man hat auch viel mehr Verständnis dafür, wenn man nach der Arbeit nach Hause zurückkommt und den Eindruck hat, dass der andere gar nichts geschafft hat, auch wenn man es sich immer wieder in Erinnerung bringen soll.

War das kein Problem mit deinem Arbeitgeber?

Als ich das zweite Mal die Elternzeit angekündigt habe, war das ein Riesenproblem. Meine Chefs waren sehr zuvorkommend aber die Uni Verwaltung hat große Schwierigkeiten gemacht. Ich habe zu hören gekriegt „Es sei eine Unverschämtheit. Jetzt müssen schon wieder andere Leute Deine Arbeit machen.“ Oder „ja, ja Elternzeit ist auch richtig so aber wie kommst du dazu?“ und ich soll jetzt „Konsequenzen spüren“.

Ich habe informell mit dem Gleichstellungbeauftragter gesprochen und zu dem Protokoll gegeben. Es ist aber unklar, was sie machen können. Es ist keine schöne Sache. Man ist auch zwiegespalten: man ärgert sich fürchterlich und fühlt sich falsch behandelt, aber es sind auch Leute mit den man vorher ein gutes Verhältnis hatte.

FM: Genießt Du deine Elternzeit?

Es ist eine der schönsten Zeit meines Lebens. Ich freue mich einfach, soviel Zeit mit meinen Kindern verbringen zu dürfen und mich auf sie konzentrieren zu können. Ich hatte am Anfang wenig Vorstellung, wie das aussehen soll. Am ersten Tag war ich ein bisschen aufgeregt, weil meine Frau gleich mit 12 Stunden Arbeitstag angefangen hat. Die erste Woche habe ich mir auch nichts vorgenommen und vieles vorbereitet, um maximal Zuhause bleiben zu können. Und irgendwann erweitert man sein Radius. Das ist wunderbar sich auszuprobieren und zu merken, dass man mit dem Kind ganz viel schöne Zeit verbringen kann. Die ersten Schritte zu erleben, während der Partner oder die Partnerin auf dem Arbeitsplatze ist, ist schon etwas Besonderes.

Ich gehe auch gern mit den spazieren oder zum Spielplatz, bei meinem Vater Kaffee trinken vorbei usw.

Ich muss auch ergänzen: Es ist eine der schönsten Zeit meines Lebens aber gleichzeitig eine der anstrengendsten. Das sollte man nicht verschweigen. Aber das ist eine belohnende Anstrengung.

FM: Trotzdem ​nehmen nur 4 von 10 Männern Elternzeit ​und nur einer davon über 2 Monate. Du bist also eine große Ausnahme.

Ja, offensichtlich. Das war mir vorher gar nicht so klar aber das stimmt. Ich kenne auch wenige, die das gemacht haben. Die meisten, wenn sie überhaupt Elternzeit machen, nehmen sich dann 2 Monate.

Teresa Bücker meinte auch in ihrer Kolumne in der Süddeutsche Zeitung, „Männer müssten mehr tun, um sich ihre Rechte zu erkämpfen.“ Ich habe leider nicht darüber nachgedacht, aber eigentlich hat sie Recht.

FM: Deiner Meinung nach, warum machen nicht mehr Männer eine lange Elternzeit?

Oft werden die Argumente Karriere oder "mein Arbeitgeber will das nicht" vorangebracht, oder wir haben zu wenig Geld, oder oder oder… Aber eine Zeit lang ein bisschen weniger zu verdienen lohnt sich manchmal. Je mehr man sich darauf anlassen würde, würde es auch mehr positive Geschichte geben und desto mehr würde es eine gewisse Masse an Männer geben, die das gemacht haben und desto einfacher würde das auch werden.

Und auch bei Arbeitgebern: ich frage mich, wie das sein kann, dass große Konzerne, die Hunderte oder Tausende von Mitarbeitern haben, so sehr auf einen Mitarbeiter angewiesen sind, dass der nicht ein paar Monate weg sein kann.

FM: Würdest Du diese Erfahrung jedem empfehlen?

​Das ist ja eine individuelle Frage. Teresa Bücker spricht auch von einer verpflichtende Elternzeit. Das sind alles Ansätze, die man diskutieren kann. Aber das ist auf jeden Fall empfehlenswert, denn man kann ja viel, man kann sich auf das Kind konzentrieren, man kann viele tolle Sachen machen und ich glaube, man könnte sie danach vermissen, wenn man es nicht macht. Man ist dann selber auch als Tröster, als Kuschelpartner oder als Spielpartner gefragt und nicht nur der Partner oder die Partnerin. Das ist auch ein schöner Startpunkt, gemeinsame Erlebnisse zu haben.

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